Was ist Naturwein?

Sie können wild, überraschend und unglaublich lebendig schmecken, sind manchmal trüb und lassen sich in kein typisches Geschmacks-Korsett zwängen. Es sind handgemachte Weine in ihrer reinsten und individuellsten Form.

Naturwein ist in aller Munde, aber was steckt eigentlich dahinter?

Zunächst sollte man wissen, dass es für den Begriff Naturwein (noch) keine gesetzliche oder offizielle Definition gibt.

Aber es gibt eine gemeinsame Vorstellung, eine Philosophie, was einen Naturwein ausmacht: "Nothing added, nothing taken away."

Vereinfacht gesagt sind Naturweine handgemachte Weine, die auf sämtliche künstliche Zusätze und technologische Eingriffe verzichten und deren Grundlage biologischer oder biodynamischer Weinbau ist.

Konkret geht's dabei um folgende 6 Faktoren, die ein Wein erfüllen sollte, um als typischer Naturwein zu gelten.

6 Faktoren, die einen Naturwein ausmachen

Auch wenn es keine offizielle Regelung dafür gibt, was einen Naturwein (auch Natural Wine genannt) definiert, auf diese Machart verständigt sich der Großteil der Community:

1. Biologische oder biodynamische Bewirtschaftung
2. Handlese
3. Spontangärung
4. Keine Zusatzstoffe, keine Schönungsmittel
5. Keine Feinfiltration
6. Kein/minimaler Einsatz von Sulfiten (Schwefel)

 


Naturwein stammt aus biologischem oder biodynamischem Weinanbau

Ob mit Label zertifiziert oder ohne: die wesentliche Grundlage für Naturwein ist das biologische und damit nachhaltige Bewirtschaften der Weingärten.

Das beutetet unter anderem, auf den Einsatz von chemisch synthetisch hergestellten Pflanzenschutzmittelen (Pestizide, Herbizide) zu verzichten.

Das wichtigste Ziel ist dabei, die Fruchtbarkeit und Gesundheit des Bodens zu erhalten und zu fördern und nur natürlich gewachsene und gesunde Trauben zu ernten.

Naturweine kaufen bedeutet damit auch immer, Weine aus schonender und nachhaltiger Landwirtschaft zu kaufen. 


Handlese

Bild © Wachter Wiesler

Naturweine wollen möglichst ohne stabilisierende Zusätze wie Schwefel auskommen - siehe unten. Dafür muss der Traubensaft, sprich das Traubenmaterial kerngesund sein, und frei von mit Fäulnis befallenen Teilen.

Dies gelingt nur durch die Handlese.

Das Gegenstück dazu ist die Lese mittels sog. "Vollerntern". 8-10 Tonnen Leergewicht schwere Maschinen, die die Trauben lieblos mitsamt Vogelnestern und Drahtteilen zusammenklauben. Diese Auslese kann dabei niemals so fein sein wie händisch gemacht, und zusätzlich wird dabei der Boden stark verdichtet, was wiederum die Biodiversität im Weinberg stark beeinflusst.

Um wirklich nur gesundes Traubenmaterial zu ernten, kann die Lösung nur die Handlese sein.


Spontangärung

Um aus Traubensaft Wein "zu machen", muss sich der Zucker in Alkohol umwandeln. Ihr merkt es bereits an den "Anführungszeichen", eigentlich muss man dafür gar nichts machen, dieser Prozesse geschieht unter bestimmten Bedingungen von selbst.

Im konventionellen Weinbau jedoch nutzen Produzenten in aller Regel sogenannte "Reinzuchthefen". Diese gezüchteten Hefen werden dem Traubensaft beigemengt, um die Vergärung (oder auch Fermentation) anzustoßen bzw. in eine bestimmte geschmackliche Richtung zu drängen.

Naturwein hingegen wird spontanvergoren.

Wie das geht? Hefen befinden sich praktisch überall - auf der Traubenschale, im Weinkeller, im Weinberg. Sind sind in ihrer Konstellation je nach Umfeld sehr individuell, und genau diese Idee will man auch in die Flasche bringen: Naturwein soll die eigene Handschrift, den Weinberg, den Boden, das Umfeld, das Wetter repräsentieren (auch Terroir genannt), und nicht auf vorgefertigten, angepassten Geschmackszusätzen reduziert werden. Und dazu trägt die Spontangärung, durch die Hefen aus dem eigenen Umfeld wesentlich bei.


Keine Zusatzstoffe, keine Schönungsmittel

"Über 50 Zusatzstoffe dürfen bei der Herstellung des [konventionellen] Weins eingesetzt werden. Auf dem Etikett findet sich davon nichts."

— Sebastian Bordthäuser

Wie kann das sein? Laut EU-Gesetz ist Wein kein Lebensmittel, sondern ein Genussmittel. Und das beutetet, dass viele eingesetzte Mittel und Herlferlein nicht deklariert werden müssen.

Fehlt dem Wein Säure, darf aufgesäuert werden. Zu viel Säure? Dann entsäuern. Fehlt dem Wein Zucker? Rein mit dem Zucker! Noch nicht das perfekte Mundgefühl? Bitte eine Portion Gummi arabicum in den Wein. Zum Abrunden noch etwas Holzgeschmack? Kein Problem mit Holzchips.

Und damit am Schluss nach all den vielen Zusatzstoffen ein optisch klarer und geschmacklich vertrauter Wein in die Flasche kommt, muss alles wieder geklärt werden. Und zwar mit Fischgelatine, Hühnereiweiß oder Gelatine aus Schweine- oder Rinderknochen und Aktivkohl, hergestellt aus Tier- und Pflanzenasche.

All das will Naturwein nicht.
Naturwein verzichtet auf sämtliche Schönungen und Klärungen, stattdessen darf sich der Wein individuell entwickeln.

Die Liste der zugelassenen Verfahren und Behandlungen von Wein findet ihr hier.


Keine Feinfiltration

Ihr habt es bestimmt schon gesehen, einige Naturweine sind leicht trüb, in manchen finden sich sogar jede Menge schwebende Teilchen in der Flasche.

Getreu dem Motto "Nothing added, nothing taken away" verzichten Naturwein-Winzer:innen auf das Filtrieren des Weins.

Und das bringt einige Vorteile:
- Der Geschmack ist intensiver, weil keine Aromen herausgefiltert werden
- Der Wein behält seinen natürlichen Oxidationsschutz (dh. die Weine sind robuster und nach dem Öffnen länger in voller Pracht genießbar)
- Der Wein behält eine leicht fein-griffige Textur, und gibt ein spannendes Mundgefühl

Statt klassischer Filtration setzt man auf Sedimentation, also das natürliche Ablagern von Schwebestoffen. Dann wird "abgezogen", sprich vorsichtig in einen anderen Behälter gefüllt, um den Naturwein von zurückbleibenden Feststoffen zu trennen.


Kein/minimaler Einsatz von Sulfiten (Schwefel)

Sulfite sind ein Antioxidationsmittel, ergo ein Konservierungsmittel, das bei verschiedenen Lebensmittel zur verbesserten Haltbarkeit eingesetzt wird.

Sie sollen helfen, den Wein stabil zu halten und ihn vor zu schneller Oxidation zu schützen und auch, um den Geschmack des Weins zu konservieren.

Dadurch wird der Wein aber auch in ein Korsett gezwängt und kann seine Aromenentwicklung nicht voll ausprägen.

Winzer:innen, die puristische Naturweine erzeugen, versuchen Sulfite nur minimal oder garnicht einzusetzen. Die Idee dahinter ist abermals so wenig wie möglich den Wein zu manipulieren und eine naturnahes Produkt zu erzeugen.

Wichtig zu wissen ist, dass jeder Wein Sulfite enthält. Ganz einfach deswegen, weil diese bei der Fermentation entstehen.

Ist Biowein also Naturwein?

So einfach ist's leider nicht. Die Basis für jeden Naturwein ist die biologische (oder biodynamische) Bewirtschaftung.

Da jedoch ein Biowein auch mit verschiedenen Zusätzen behandelt werden darf - laut den Vorschriften der Bio-Zertifizierung -, u.a. noch sehr hohe Schwefelmengen, kann dann nicht mehr von einem Naturwein gesprochen werden.

Ergo: Jeder Naturwein ist ein Biowein, aber nicht jeder Biowein ein Naturwein (wenn er obige 6 Punkte nicht erfüllt).

Sind Orange-Weine Naturweine?

Nein. Auch wenn sich viele Orange-Weine unter den Naturweinen finden, so hat dies zunächst nichts damit zu tun. Ein Orange-Wein ist ein Weißwein, der wie ein Rotwein gemacht ist. Das bedeutet, dass die Traubenschale nach der Trauben-Pressung nicht entfernt wird, sondern (je nach Stilistik) für mehrere Wochen im Traubensaft bleibt. Und genau dadurch entsteht die orange Farbe im Wein. Ebenso bekommt der Wein eine etwas rauere Textur, bedingt durch die Tannine aus den Traubenschalen.

Somit kann aus jedem Weißwein, ob Natur oder nicht, ein Orange-Wein gekeltert werden. Orange-Weine sind deswegen oftmals auch Naturweine, da ihre Winzer:innen durch den verlängerten Maischekontakt dem Wein mehr Komplexität und Charakter verleihen möchten.

Wie schmeckt Naturwein?

Naturweine können ganz unterschiedlich schmecken: manche kommen eher wie klassische Weine daher, andere sind super funky und individuell.

Dies hat viel damit zu tun, welche Stilistik der/die Winzer:in bei der Vinifizierung verfolgt, um welche Rebsorte es sich handelt, aus welcher Region und natürlich auch wie das Wetter und somit der Jahrgang war.

Es gibt leichte, super süffig-saftige Naturweine, sowohl Weiß- als auch Rotweine, die fruchtig und floral in die Nase springen und einfach nur Spaß machen.

Andere sind komplexer, wirken sehr vielschichtig in ihrer Aromatik, bringen pflanzliche und kräutrige Noten ins Glas oder auch reduktive Töne. Letzteres ist auch als "Stinkerl" bekannt, was zwar wenig einladend klingt, aber im Wein durchaus sehr spannend sein kann.

Und wiederum andere sind herausfordernd für den Gaumen, mit oxidativen Noten, die an Most (Cider) oder sogar an Sherry erinnern.

Was man aber wahrscheinlich über alle sagen kann: sie schmecken lebendiger, feingliedriger, puristischer - sie sind weniger schwer, weniger opulent. Und sie laden Genießer:innen ein, sich mit ihnen stärker zu beschäftigen.

Warum macht man Naturwein, was ist die Idee dahinter?

Winzer:innen mit denen wir zusammenarbeiten geben uns immer wieder eine ähnlich Antwort: Naturwein ist eine Lebenseinstellung.

Es geht darum, die Fruchtbarkeit und Gesundheit des Bodens zu erhalten, einen Wein ohne Make-up zu machen, der ganz das Terroir widerspiegelt und natürlich auch um die vielfältigen Geschmäcker und die aussergewöhnliche Qualität, die eben nur durch das schonende und handwerkliche saubere Arbeiten zu erreichen ist.

"Am Anfang denkt man noch, man könne etwas im Keller verbessern. Aber letzten Endes merkt man, dass man eigentlich nur das erhalten kann, was man vom Weingarten reinbringt."

— Manfred Tement

Ist Naturwein nur eine Modeerscheinung?

Naturweine sind eine Revolution, eine Gegenbewegung zu hochindustrialisierten und konstruierten Weinen. Es ist die Suche nach dem ursprünglichen Geschmack eines Weins, dem Respekt vor der Natur und der Weg zurück zu alten önologischen Verfahren.

Naturweine sind also nichts Neues, im Gegenteil: es ist viel mehr die Rückbesinnung auf handgemachte, ehrliche Weine, die es bereits vor tausenden Jahren gab, bevor die Industrialisierung in das "Weinherstellen" Einzug hielt.

Naturwein kaufen: Empfehlungen für den Einstieg in die Naturwein-Welt

Naturweine zu genießen ist eine Reise des Gaumens. Viele, die das erstmal einen funky-igen Naturwein trinken, finden den Geschmack mindestens gewöhnungsbedürftig.

Hat man jedoch einmal Feuer gefangen, lassen einen die vielschichtigen und lebendigen Geschmäcker nichtmehr los.

Für einen guten Einstieg empfehlen wir euch folgende Weine:

 
Wer auf saftig, süffig und lebendige Weine mit leichter Alpenkräuter-Noten steht, wird Andi Manns Cuvée Weiß lieben.
Wie eine Limonade für Erwachsene tänzelt der leichte Orange-Wein Blonde by Nature von Pittnauer im Gaumen. Süffig und funky!
Komplexer wird's mit dem so vielschichtigen floralen Tonsur von Pranzegg, ein ein All-Time-Favorite von uns. Wie eine Blumenwiese ins Glas gebracht.
Apropos: wenn ihr euren Gaumen noch mehr herausfordernd wollt, Bianka und Daniel Schmitt zaubern mit ihrem Riesling M einen intensiven, würzigen Orange-Wein, der sogar an Schwarztee erinnert.
Ihr wollt gerne einen Pet Nat mit unschlagbarem Preis-Leistungsverhältnis? Voilà! Foam Vulkan von Meinklang bringt euch Schaumparty-Gefühle.
Wer auf juicige Rotweine steht, wird mit Ponzichter von Franz Weninger große Freude haben. Frisch, leicht und trinkfreudig. Mit einer mundwässernden Saftigkeit und feine Noten von Sauerkirsche. Perfekter Everyday-Wein.
Und nicht zu vergessen, das süffige Rote Handgemenge von Wachter Wiesler, das dunkle Kirsch- und Kräuteraromen verspielt über den Gaumen rauschen lässt.